Das Thema „Migration“ in der ErzieherInnenausbildung

– Fachschule für Sozialpädagogik -

 

 „Interkulturelles Lernen heißt, Unvertrautem mit Neugierde zu begegnen, das Fremde als Bereicherung der eigenen Kultur und als selbstverständlichen Teil des Alltags wahrnehmen und erfahren.“[1]

 

Nicht erst seit Beginn der PISA Diskussion ist bekannt, dass Kinder mit Migrationshintergrund in ihrer Familiengeschichte zu den Benachteiligten unserer Gesellschaft zählen, deren Chancen, einen qualifizierten Bildungs- und Ausbildungsabschluss zu erreichen, deutlich geringer sind als die der Kinder aus Familien ohne Migrationshintergrund. Dies hat Folgen für ihre Persönlichkeitsentwicklung, für ihre Möglichkeiten der Teilhabe und Anerkennung innerhalb unserer Gesellschaft.

Für pädagogische Fachkräfte besteht grundsätzlich die Anforderung und der Anspruch, alle Kinder unter Berücksichtigung ihrer Lebenssituation zu begleiten und zu fördern, d. h. für die angehenden ErzieherInnen, in ihrer Ausbildung Kompetenzen  zu erwerben, die sie befähigen, diese Ansprüche in der pädagogischen Praxis umzusetzen: Die Verschiedenartigkeit von Kindern wahrnehmen und auf ihre Individualität eingehen, ihre Unterschiede als fruchtbar für Bildung und Entwicklung begreifen und Migrationserfahrungen als Chance und Bereicherung für alle an pädagogischen Prozessen Beteiligten bewerten. Die Entwicklung dieser Haltung ist eng verbunden mit dem Erwerb von Kenntnissen zu Spracherwerb, Sprachförderung und Mehrsprachigkeit, interkulturellen und interreligiösen Grundkenntnissen, politischen und gesellschaftlichen Aspekten von Migration und sich daraus erschließenden Lebenssituationen.

In der Fachschule für Sozialpädagogik am SZ Neustadt/ Delmestr. versuchen wir diesem Anspruch mit einem Konzept Rechnung zu tragen, durch das alle Auszubildenden entsprechende Grundkenntnisse erwerben.

 

Beteiligt sind hier insbesondere die Lernbereiche „Sozialpädagogische Grundlagen und Praxis“ (Sozialpäd. Konzepte, z.B. „Reggio-Pädagogik“, Vergleich von Konzepten zur Entwicklung, Förderung und Wahrnehmung des Kindes in seiner Individualität), „Kommunikation“ (Sprachentwicklung,  wertschätzende Kommunikation) und „Gesellschaft“ (Ursachen und Folgen von Migration, kulturelle und religiöse Vielfalt, Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit, gesellschaftliche Wertvorstellungen). Beteiligt ist ebenfalls der Bereich „Fremdsprachenangebot“: In der Ausbildung ist der Erwerb einer Fremdsprache verpflichtend. Das obligatorische Angebot Englisch als weitergeführte Fremdsprache haben wir ergänzt um die Angebote „Spanisch“ oder „Türkisch“ für AnfängerInnen. Hier werden einerseits sprachliche Grundkenntnisse erworben, andererseits aber auch der Blick auf Kinder (und Eltern) mit Migrationshintergrund geöffnet. Sprache kann den Zugang erleichtern, Verständnis entwickeln helfen und nicht zuletzt die eigenen Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten bereichern.

Ergänzt werden diese Lernbereiche durch Wahlpflichtangebote, die eine Vertiefung der Kenntnisse ermöglichen. So werden zu diesem Themenbereich folgende Kurse angeboten: „Interreligöse Pädagogik“, „Spracherwerb und Mehrsprachigkeit“, ein Vertiefungskurs, in den die Ergebnisse eines EU-geförderten Leonardo-Projektes zum Thema „Entwicklung frühkindlicher Mehrsprachigkeit“ einfließen, an dem die Schule beteiligt war und entsprechende Materialien für die pädagogische Praxis erarbeitet hat.

Im zweiten Ausbildungsjahr wählen alle angehenden ErzieherInnen aus sechs Profilangeboten ihren persönlichen Schwerpunkt, der mit 4 Wochenstunden über ein ganzes Schuljahr der Stundenanzahl eines Hauptfaches entspricht.

Das Konzept des Profils „Interkulturelle Pädagogik“ bietet die Möglichkeit, die in den anderen Lernbereichen erworbenen Grundkenntnisse zu erweitern und zu vertiefen.

 

 

Im Folgenden wird das Konzept dieses Profilkurses näher ausgeführt.

 

In der Ausschreibung zu diesem Kurs heißt es:

 

„Dieses Projekt richtet sich an alle Schülerinnen und Schüler, die ihr Praktikum entweder im Ausland oder in einer Einrichtung in Bremen, die interkulturell arbeitet, ableisten möchten, weil sie die Verschiedenheit von Menschen als große Chance zur Bereicherung sehen und andere Lebenswelten kennen lernen möchten. Wer selber Erfahrungen mit Migration hat und diese zu einem beruflichen Schwerpunkt ausbauen möchte, ist als „Fachkraft“ im Projekt ganz besonders herzlich willkommen.“ [2]

 

TeilnehmerInnen am Profilkurs „Interkulturelle Pädagogik“ sind also diejenigen, die ihr Praktikum in Einrichtungen im Ausland[3] absolvieren werden, sowie weitere interessierte SchülerInnen, die besondere Qualifikationen in interkultureller Pädagogik erwerben wollen.

 

TeilnehmerInnen mit Migrationshintergrund bringen besondere Kompetenzen ein sowohl an Hintergrundwissen über „ihr“ Land als auch an interkulturellen Erfahrungen durch das Leben in Deutschland und häufig in anderen Ländern. Dass ihr Wissen und ihre Erfahrungen gewürdigt werden und sie als Fachleute angesehen werden, ist für manche eine neue Erfahrung – sind sie doch häufig eine eher defizitäre Sichtweise gewöhnt („Mein Deutsch ist ja nicht so gut“). Eine Zielsetzung des Projektes „Interkulturelle Pädagogik“ ist es, das Selbstbewusstsein dieses Personenkreises so zu stärken, dass sie ihre Kompetenzen bewusst in ihrer Umwelt und vor allem in ihren zukünftigen Arbeitsbereichen zur Geltung bringen.

 

Die Zielsetzung für diejenigen TeilnehmerInnen, die ihr Praktikum im Ausland ableisten, ist dagegen eher eine Verunsicherung, um den Perspektivwechsel zu erleichtern. (z.B. in sprachlicher Hinsicht während des Aufenthaltes im Ausland.)

 

 

Für alle gilt: Für uns beginnt „interkulturelle Pädagogik“ bei uns selbst, bei den eigenen Erfahrungen. Wie geht es uns, wenn wir im Ausland sind, die Sprache nicht verstehen, die Sitten nicht kennen, mit einigem vielleicht nicht einverstanden sind, uns fremd fühlen?

Aber auch: Wo sonst, außer im Ausland, haben wir derartige Situationen kennen gelernt?

Verschiedene Übungen (spielerischer Art) helfen, sich in eine derartige Situation zu versetzen.

Derartige Erfahrungen helfen, sich in die vielen Kinder und Jugendlichen und deren Eltern hineinzuversetzen, die sich hier „im Ausland“ fühlen  (vielleicht vor allem deshalb, weil wir ihnen dieses Gefühl geben?), die Sprache wenig verstehen, sich vielleicht fremd fühlen. Die Schülerinnen und Schüler dieses Projekts haben im Ausland „hautnah“ erfahren, wie es ist ohne Sprachkenntnisse oder mit schlechten Sprachkenntnissen, und die „Migranten“ und „Migrantinnen“[4] in unserem Projekt haben gesagt: „Da seht ihr endlich mal, wie es uns ständig geht und ging.“

Dieses „da seht ihr endlich mal“ – was ja soviel bedeutet wie „da fühlt ihr endlich mal“ – erscheint uns das Allerwichtigste, und es ist etwas, was man nicht durch Theorie vermitteln kann.

 

Der Austausch zwischen denjenigen, zu deren existentiellen Lebenserfahrungen das Fremdsein oder zum-Fremden-gemacht-Werden gehört, und denjenigen, die diese Erfahrung noch nicht machen mussten, ist ein wesentlicher Lern- und Erfahrungsprozess im Projekt „Interkulturelle Pädagogik“.

 

Natürlich gehören auch weitere Inhalte zu den Grundlagen Interkulturellen Lernens:

So unter anderem die Themen:  Was ist Kultur? Was ist eigentlich „interkulturell“? Was sollte  ich beachten, wenn ich mit Menschen zu tun habe, die aus einer „anderen Kultur“ kommen? Was ist ein Kulturschock und wie läuft er ab? Wie kann ich Kinder und Jugendliche, mit denen ich arbeite, zu Toleranz und Sensibilität im Umgang mit anderen Menschen anregen? Wie stellt sich die Situation von Menschen mit Einwanderungshintergrund in unserem Land dar? Wie ist die Situation von Asylsuchenden bei uns? Wie sieht die pädagogische Realität in anderen Ländern Europas aus?  

Die Auszubildenden setzen sich so mit den Zielen und Prinzipien der interkulturellen Pädagogik  auseinander und lernen, wie interkulturelles Handeln in der Praxis aussehen sollte.

 

Auch Einrichtungen werden besucht, die in der Arbeit einen interkulturellen Schwerpunkt haben bzw. mit Menschen mit Migrationshintergrund arbeiten.

An erster Stelle ist der Besuch in einem Übergangswohnheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) zu nennen. Hier bekommen die TeilnehmerInnen nicht nur einen Einblick in die pädagogische Arbeit der MitarbeiterInnen des Hauses, sondern lernen auch die konkrete Situation von Flüchtlingen in Bremen kennen.

Ein weiterer Besuch gilt dem Mädchenkulturhaus in Bremen. Dies ist eine Einrichtung, die ausschließlich von Mädchen und jungen Frauen zwischen 7 und 27 Jahren aus unterschiedlichen Kulturkreisen besucht wird. Die Jugendlichen haben dort die Möglichkeit, nicht nur an Projekten und Aktivitäten teilzunehmen, sondern bekommen bei Bedarf auch Unterstützung durch die  pädagogischen Mitarbeiterinnen.

Filme von Rebekka Schäfer[5] ergänzen die persönlichen Eindrücke und Gespräche, zumal die Filmemacherin jedes Jahr ihre Filme in der Schule persönlich vorführt.

 

Einmal jährlich findet unter dem Titel „fit for fielfalt“ eine Veranstaltung der ProfilteilnehmerInnen (sowie in manchen Jahren auch weiterer Projekte) statt, die sich an alle SchülerInnen der Fachschule, andere interessierte Bildungsgänge des SZ Neustadt und an außerschulische Partnereinrichtungen und Interessierte, die sich in interkultureller Pädagogik engagieren, richtet. Ziel ist die Präsentation der Ergebnisse und die Weiterentwicklung des Diskussionsprozesses.

 

Ziel dabei bleibt, dass Interkulturelle Pädagogik nicht als Extra-Bereich zusätzlich und neben allen anderen besteht, sondern es geht in der Ausbildung  darum, Wissen und Sensibilität zu erwerben, um den pädagogischen Alltag grundsätzlich interkulturell zu gestalten.

 

Angelika Menken, Kerstin Räthke, Velten Schmidmann

Fachschule für Sozialpädagogik im Schulzentrum Neustadt

 

Veröffentlichung in : SpielRäume Nr. 46 12/09

Hrsg.: Die Senatorin für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales

 

Aktualisierte Überarbeitung am 24.03.2014 (Die AutorInnen)

 



[1]              Böhm,Böhm,Deiss-Niethammer: Handbuch interkulturelles Lernen, Herder 1999, S. 35

[2]              Aushang in der Fachschule für Sozialpädagogik, SZ Neustadt

[3]              Die Praktika im europäischen Ausland werden gefördert durch das EU-Programm Erasmus

 

[4]              Zu den Begriffen: Sprachliche Verunsicherung gehört zum interkulturellen Lernprozess dazu – seit wir hinterfragen, was eigentlich ein „Ausländer“ oder ein „Migrant“ ist (in einer Gruppe von 20 Menschen kamen kürzlich 7 verschiedene Definitionen zusammen), sind wir vorsichtig mit derartigen Zuschreibungen. Im Projekt „Interkulturelle Pädagogik“ nehmen wir`s mit Humor und bezeichnen als „AusländerIn“ diejenigen, die ihr Praktikum im Ausland machen, und als „InländerIn“ dementsprechend die anderen. Und ist diese Zuschreibung wirklich so viel willkürlicher als wie sonst im Alltag jemand als  „Ausländer“ bezeichnet wird?

[5]              „Wie ein Strich durchs Leben – als geduldete Flüchtlingsjugendliche in Deutschland“, „Hier geblieben! Geduldete Jugendliche kämpfen um das ganze Bleiberecht“ und „Les Réfugiés – eine Band aus dem Flüchtlingslager Blankenburg“